Luftrettung
Einsatzarten
Ein Primäreinsatz
Primäreinsätze können sehr unterschiedlich sein. Wie schon erwähnt, ein Rettungshubschrauber muss nicht immer das "bessere" Rettungsmittel sein. Der RTH hat viele Vorteile. Hier mal ein Beispiel zu einem vielleicht nicht ganz typischen Primäreinsatz. Am 20.September alarmierte unser Melder auf der Station:
Um 08:55 Uhr starteten wir Richtung Osnabrück/Bissendorf. Während des Fluges hörten wir im Funkverkehr von dem primär eingesetzten Rettungsmittel und dem dort befindlichem Notarzt die erste Rückmeldung. Es wäre ein LKW auf einen vorrausfahrenden LKW aufgefahren, der Fahrer des hinteren LKW`s wäre zwar eingeklemmt, aber völlig stabil und ansprechbar. Der alarmierte RTH könne den Einsatz abbrechen. Die Leitstelle Brückland entschied jedoch, das wir nicht abbrechen sollten, zumal wir nur noch wenige Flugminuten zur Landung hatten.
Um 09:12 Uhr gingen wir auf der gesperrten BAB 30 zur Landung. Vor Ort bot sich uns folgendes Bild.
Es war ein 7,5 t LKW nahezu ungebremst auf einen vorraus fahrenden Sattelzug aufgefahren, der nur wenige solide Stahlrohre geladen hatte. (vermutlich wäre die Prognose des eingeklemmten Fahres infaust gewesen, wenn der Sattelzug hochg beladen gewesen wäre). Das Führerhaus war massiv deformiert, der Fahrer war auf seinem Fahresitz von der Lenkradsäule eingeklemmt, der Kopf war nach vorne rüber gebeugt, der Körper nahm zwangsweise durch die zusammengedrückte Fahrerkabine eine s förmige Haltung an. Der Fahrer war in der Tat stabil, ansprechbar, orientiert. Er konnte seinen Namen äussern und beklagte starke Schmerzen im Beinbereich. Es bestanden keine Probleme mit der Atmung, dem Atemweg und dem Kreislauf. Ein grössere Zahl von Feuerwehrkäften zur technischen Rettung war aufgeboten, zu dem ein NEF und RTW der nächst gelegenen Rettungswache. Die Einschätzung des Primär-Notarztes war also insofern richtig, als das der Patient zu dem Zeitpunkt Stand ca. 09:15 Uhr stabil war. Nun kann man ja zunächst dieser Einschätzung folgen und dem bodengebundenem Rettungsmittel die Einsatzstelle überlassen. Der RTW würde den befreiten Fahrer nach der technischen Rettung in das nächste Krankenhaus der Grund und Regelversorgung (ca. 10 km) oder in die nächste Klinik der Maximalversorgung (ca 28 km) verbringen. Nach kurzer Überlegung verwarfen wir allerdings diese Möglichkeit. Es war schon erkennbar, das die technische Rettung des Patienten relativ viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Zudem war nach Auswertung des Unfallgeschehens, das dort an den Fahrzeugen ( und ihren Insassen) starke physikalische Kräfte eingewirkt haben müssen. Es lag also der Schluss nahe, das sich aus dem vermeindlich stabilen Patienten, vielleicht noch ein schweres Krankheitsbild entwickeln würde. Das NEF wurde also einsatzbereit und unsere Besatzung übernahm die Betreuung.
Trotz schwerem Gerät und zahlreich eingesetzten Rettungskräften konnte der Patient letztlich nach knapp 2h Stunden aus seinem Fahrzeug befreit werden. In der Zwischenzeit konnte dem Patientin über das geöffnete Schiebedach ein weiterer i.v. Zugang gelegt und Sauerstoff zugeführt werden. In den letzten 30 min vor der Bergung mussten die stärker werdende Schmerzen behandelt werden. Der Patient wurde zudem immer unruhiger. NAch der Rettung bot sich uns ein zunehmend zentralisierter, blasser und tachycard werdender Patient. Einer der Füsse war amputiert, es waren weitere Frakturen der Beine erkennbar. Der Zustand des Patienten war so, das man ihn aus Gründen der Schmerztherapie, des Kreislaufes und der Atmung in Narkose versetzen musste. Um10:57 Uhr starteten wir und gingen am Städtischen Klinikum in Osnabrück zur Landung. Unmittelbar danach konnte ein soweit stabilisierter Patient dem dortigen Schockraumteam übergeben werden.
Aus dieser Schilderung wird ersichtlich, das Zeit ( wie immer ) eines der wichtigsten Faktoren im Notfallgeschen ist, das sich Einsatzstellen dynamisch entwickeln können.
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